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Leben aus der Mitte

Wir erleben zur Zeit überall eine Verstärkung der Polarisierung. Die letzten Wahlen in der Schweiz haben es im Aussen, in der Gesellschaft, sehr deutlich aufgezeigt. Wenn wir selber mal innehalten und in uns selber hineinschauen, merken wir sehr stark, wie wir hin und her gerissen sind zwischen zwei Polen. Dem Pol der Hoffnung, der Liebe, der Solidarität und des  Vertrauens und dem Pol der Angst, der Sicherheit und des Schutzes. Der eine Pol öffnet und sucht die Verbundenheit. Der andere schliesst und baut Schutzmauern auf.

Doch wieso ist plötzlich unsere Mitte so schwach? Meinen wir doch in den letzten Jahre sehr viel für deren Stabilität und Festigung getan zu haben. Doch haben wir das wirklich?
Viele Menschen haben sich auf einen Weg der Spiritualität und Bewusstseinsentwicklung begeben. Sie praktizieren Yoga, meditieren, besuchen Seminare zur Selbsterkenntnis und Selbstreflektion, „arbeiten“ an sich selbst mal hart, mal spielerisch, lesen Bücher, suchen die Verbindung zum Tieferen und Höheren und  verändern teilweise komplett ihr Leben. Der Pol des Positiven, des Liebevollen und des Mitgefühls wird gestärkt. Das Leben fühlt sich leichter und voller an. Zumindest dann, wenn man auf dieser Welle ist und bleibt.
Doch wieso nimmt nun die Polarisierung im Aussen so zu und wieso sind wir selber innerlich so zerrissen und blockiert, manchmal gar sprach- und ratlos?

Wenn wir gerade die positive Welle reiten, sind wir glücklich und in unserer Mitte. Die Sonne scheint, sie wärmt und trägt uns mit ihrer Energie. Doch sobald diese Welt bedroht wird durch einen grossen Schatten, der auf uns zukommt, müssen wir feststellen, dass wir den Gegenpol nicht integriert, sondern diesen Schatten einfach ausgeblendet haben. Was heisst das nun genau?
Wer mit einem satten Bauch den Weg der Bewusstseinsentwicklung und der Liebe geht und nicht merkt, dass der satte, übervolle Bauch auch einen hungrigen, leeren Bruder hat, der lebt Polarität in seiner intensivsten Weise. Wer die gelernte Liebe und das Mitgefühl nicht mit der vollen Achtsamkeit von sich aus beginnend, auf die ganze Innen- und Aussenwelt ausbreiten kann und zwar so, dass auch die Schatten betrachtet, akzeptiert, verstanden und integriert werden, der schaut nicht hin, sondern weg. Er schaut lieber an den Ort, wo die Blumen blühen und nicht an den, wo die Bomben explodieren.
Bewusstseinsbildung geht nur mit Achtsamkeit. Und zwar mit Achtsamkeit in jeder Handlung, in jedem Wort, in jedem Gedanken. Wenn ich von Gedankenpflege spreche, dann heisst das - meine Gedanken beobachten und nachschauen, woher sie kommen und wieso sie entstehen. Es heisst nicht, nur noch Positives zu denken. Letzteres ist einfach Selbstbetrug. Wenn ich negative, gewaltvolle, ängstliche Gedanken verdränge oder verurteile, dann leugne ich einen Teil von mir und zwar den, der mir nicht so gut gefällt. Dann ist meine Art Spiritualität zu leben, eine verneinende Art, die den Gegenpol ablehnt. Mit der Ablehnung des Negativen (in mir) und die Konzentration der Aufmerksamkeit auf das Positive, stärke ich die Polarität. Licht und Schatten werden immer stärker. Wer den einen Pol nährt, nährt immer auch den anderen und landet nicht in der Mitte, sondern in der Mittelmässigkeit. Genau dort landen wir auch, wenn wir versuchen es beiden Polen irgendwie recht zu machen und wir damit anfangen Kompromisse zu schliessen. Jeder Kompromiss ist faul, denn er verleugnet einen Teil in uns. Das bedeutet nun nicht, uns kompromisslos dem einen oder anderen Pol hinzugeben. Auch das können wir tun. Doch dann landen wir zuerst in dem einen Pol und danach irgendwann im Gegenpol. Es gilt die beiden Pole zu akzeptieren, zu hinterfragen, in den damit verbundenen Schmerz zu gehen und ihn zu heilen. Das bedeutet integrieren. Die Pole in der Mitte zu verschmelzen und sie somit aufzulösen, statt zu versuchen sie in einem Kompromiss in der Mitte zusammenzubinden. 

Dann haben wir die Mittelmässigkeit hinter uns gelassen und leben ein Leben aus einer tief verwurzelten, hoch entwickelten und  stark gefestigten Mitte.

Mittwoch, 30. Oktober 2015

Sieglinde Lorz