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Meisterschaft statt Master

Wohin das Auge reicht sieht man nur noch Bachelor, Master, Zertifikate und Diplome. Diplomiert, zertifiziert und promoviert geht unsere Welt zugrunde. Die wahren Werte jenseits von Diplomen und Zertifikaten wurden schon längst begraben. Da hilft auch der Ethik-Zeigefinger von staatlich geförderten, oder unabhängigen Instituten nichts.
Jedes neue Diplom oder Zertifikat hat nur eine Zielsetzung, dem Lehrenden und dem Lernenden Geld zu bringen. Denn wir sind papierhörig und -süchtig. Wer ein Papier vorweisen kann, am Besten ein staatlich anerkanntes, oder auch ein sehr wohlklingendes wirtschaftlich anerkanntes, hat Trumpf. Es besagt nicht viel aus über das, was derjenige kann, sondern gibt jedem, der es sieht, so ein Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit. Einen „schönen Schein“ eben.
Aber was ist mit dem Sein? Was ist denn nun wirklich an Substanz zu erwarten auf Grund dieser vielen so wohl- und fremdklingenden Bezeichnungen, welche das Papier veredeln? Keiner weiss es wirklich und das ist die Tragik! Wir kennen den Hintergrund und die Substanz dieser Titel nicht mehr. Wissen nicht, wer sie wirklich fördert, sponsert und vertreibt.
Schaffen wir mit diesen oft sehr theoretischen Ausbildungsangeboten und ihrer Geschwindigkeit die Tiefe und den persönlichen Prozess der Reife? Werden die Menschen in der Ausbildung mitgenommen und können in das Thema hineinwachsen, es begreifen und verinnerlichen? Was ist mit den wirtschaftlichen Interessen, welche dahinter stecken und animieren? Sind sie transparent und fassbar? Nicht immer wird das Beste gefördert, sondern oft das, was vom grösseren/grössten wirtschaftlichen Nutzen ist. Welches sind die Meister, die dem Menschen dienen und wer ist einfach nur der verlängerte Arm der Ökonomie mit ihren finanziellen Interessen? Wie unterscheiden wir nun zwischen Schein-Kompetenz und tiefem Verstehen? Wer hat nun wahrlich begriffen und nicht nur schöne Begriffe auswendig gelernt? Leider tendieren wir heute dazu, Menschen zu bewundern und anzuerkennen, welche eine Sprache wählen, die die Meisten unter uns nicht verstehen. Durch ihre Fremd- und Fachwörter versuchen sie Kompetenz zu vermitteln und zu beeindrucken. Sich abzuheben und über andere zu erheben. Dabei bringt das doch den Mitmenschen und der Gemeinschaft nichts. Eher Schaden, weil ein falsche Eindruck entsteht, Erwartung und Erfüllung sich stark unterscheiden. Leider ist da eine Polarität von Vertrauen/Absolution einerseits oder Misstrauen andererseits entstanden, die die Gemeinschaft, oder auch uns innerlich, zerreisst. Was ist Sein, was ist Schein? Wir lernen nicht mehr auf uns selber und unser Gefühl zu hören, wenn wir Menschen einschätzen, sondern suchen nach der Glaubwürdigkeit von Auszeichnungen in Papierform. Wir vertrauen (oder misstrauen) Papieren und geben somit die Eigenverantwortung ab. Delegieren unseren persönlichen Eindruck und unser Gefühl an Stellen, welche diese Papiere erschaffen und anerkennen. 

Dabei kann man sehr wohl einen Meister erkennen. Er ist bescheiden in seiner Kunst, verwendet eine normale Sprache, die sein Gegenüber versteht, auch wenn es um komplexe Zusammenhänge geht, die ein tiefes Verständnis erfordern. Er redet nie an dem Thema vorbei, sondern wird auf sein Gegenüber eingehen und ihm praktisch zu helfen wissen. Er wird eher zuhören und weniger sagen. Und hinterlässt Klarheit statt Verwirrung. Er lebt Hingabe und sein Tun ist ein Dienen. 

Lasst uns wieder den Weg der Meisterschaft gehen. Mit dem Ziel der Vollkommenheit. Im Schein der Bescheidenheit.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Sieglinde Lorz